10. Sonntag im Jahreskreis (08. Juni 2008)

Mt 9, 9-13 
 

Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach!

Da stand Matthäus auf und folgte ihm. Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.

Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten. 

Der Evangelist erzählt uns, dass Jesus in einem Boot in seiner Stadt ankam. Vom Ufer ging er in die Stadt. Er musste am Zoll vorbeigehen. Da die Stadt „seine Stadt“ war, d. h. im juristischen Sinn, dass er dort durch den Aufenthalt von 12 Monaten schon die Bürgerschaft erworben hatte, war er in der Stadt nicht unbekannt. Als er also den Zollmeister zur Nachfolge rief, hat Jesus keinen Unbekannten gerufen und Matthäus ist nicht einem Unbekannten nachgefolgt (Strack-Billerbeck: Kommentar. I.Bd. 493-494). 

Nach dem kurzen Abschnitt des heutigen Evangeliums scheint es, als hätte Matthäus gleich nach dem Ruf des Herrn ihn zu Tisch eingeladen. Aber wenn wir ein bisschen nachdenken, dann wird es - besonders für eine Hausfrau - klar, dass das nicht ganz so vor sich gegangen sein kann. Der Herr mit seinen Jüngern, die vielen Mitarbeiter von Matthäus, die Zöllner, das bedeutet wenigstens 25-30 Gäste. Vor 2000 Jahren war es nicht so, dass man rasch etwas aus dem Kühlschrank aufwärmen oder etwas vom Billa oder Hofer holen konnte. Man musste auch die Einladungen weiter geben. So ist es verständlich, dass die ganze Stadt von dem Mahl hörte und wusste. Wie es am Land auch heutzutage üblich ist, standen die Kinder, die Neugierigen, die Gaffer vor dem Haus, wo das Mahl stattfand, und staunten. Einige, die wahrscheinlich neidisch waren, wunderten sich, dass die „Vollkommenen“, nämlich die Pharisäer, nicht eingeladen wurden, aber dieser Pöbel, Zöllner und Sünder mit dem berümhten Rabbi bei Tisch saßen, und sie beschwerten sich bei den Jüngern. Natürlich sagten sie nicht, „warum wurden wir nicht eingeladen“, sondern schoben diplomatisch den schwarzen Peter dem Herrn zu: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ 

Der Herr hat die Frage gehört und gab eine Antwort. Ich beneide immer die Menschen, die so auf der Stelle Antwort geben können und denen nicht nur später im Stiegenhaus einfällt, was sie hätten antworten sollen. Der Herr sagte: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Wie einmalig ist diese Antwort. Er beleidigt nicht, ganz im Gegenteil! Er lobpreist sie. Ihr seid gesund, nicht ihr braucht mich! 

Wäre es nicht auch unsere Aufgabe, Kranke zu heilen? Da wir aber nur Menschen sind, müssen wir mit dem Heilen der Menschen vorsichtig sein, erstens deshalb, weil die Sünde so ist wie eine ansteckende Krankheit. Wie auch Paulus schreibt, muss man vorsichtig sein, dass man nicht anderen predige und selbst verworfen werde (vgl. 1Kor 9, 27). Zweitens muss man unterscheiden zwischen der Sünde und den Sündern. Der Herr hat nie die Sünde anerkannt, aber er war immer verständnisvoll mit den Sündern. Drittens haben die Ärzte nicht nur die Aufgabe, die Kranken zu heilen, sondern die Menschen aufzuklären, wie sie den Krankheiten vorbeugen sollten. Ja, oft hört man moderne, aufgeklärte Eltern, die sagen: „Das Kind wird es schon lernen …“. Ja, nur die Frage ist: von wem? Von Straßenkindern, die in der Gasse aufwachsen? 

Man hat aufgezeichnet, dass Philipp Aristoteles als Erzieher seines Sohnes, des jungen Alexander des Großen, eingeladen hat. Am ersten Tag saßen sie bei Tisch und Alexander hat etwas Unanständiges gemacht. Aristoteles stand auf und gab dem König Philipp eine Ohrfeige. Der König staunte, „Wieso gibst du mir eine Ohrfeige?“ – fragte er den Meister. Aristoteles antwortete: „Nicht dem, der unerzogen ist, muss ich sie geben, sondern dem, der ihn nicht erzogen hat.