9. Sonntag im Jahreskreis (01. Juni 2008)

Mt 7, 21-27 

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört. 

Der Absatz des Evangeliums von Matthäus, den wir eben gehört haben, ist der letzte Teil der Bergpredigt, die Jesus auf einem Berg in der Nähe von Genezareth gehalten hat. Nach der Überlieferung ist der Ort des Geschehens der Berg, den man heute „Berg der Seligkeit“ nennt. 

Die Ausdrucksweise an jenem Tag“ entspricht allgemein in der alttestamentlichen Literatur der messianischen Periode der zukünftigen Welt, hier in der Bergpredigt sprach Jesus von dem Tag des Jüngsten Gerichts. 

Die Verdoppelung der Anrede kommt ungemein häufig in der Bibel vor. Eine sehr bekannte Geschichte im alten Testament ist, dass dem Abraham, als der Erzvater seinen Sohn Isaak aufopfern sollte, der Engel des Herrn vom Himmel her zurief: „Abraham, Abraham! Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ (Gn 22, 11) Die schon im Heiligen Land waren erinnern sich an die kleine Kapelle am Ölberg mit dem Namen Dominus flevit ("Der Herr hat geweint"). Nach der Überlieferung geschah es hier, dass der Herr beim Anblick der Stadt weinte und sie beklagte: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.“ (Mt 23,37). Die Verdoppelung der Anrede ist ein Aufruf, ein öffentlicher Appell, ein verzweifelter Hilferuf.  

Der Herr wird den Ruf derjenigen anhören, die er kennt. Denen aber, die seine Worte gehört, doch nicht danach gehandelt haben, wird er sehr hart antworten: „Ich kenne euch nicht.“ Wie aber kann er, durch den alles geworden ist, sagen: „Ich kenne euch nicht.“ Kennt er nicht jeden? „Ich kenne jemanden nicht“ kann drei Bedeutungen haben: „einen nicht kennen“, „einen nicht kennen wollen“ und „einen verleugnen“. Hier kann nur von dem dritten Fall die Rede sein, weil der Herr, weil er ihr Handeln kennt, sie verleugnen wird mit den Worten: „Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!“  

Aber man sollte nicht in Verzweiflung geraten. Der Herr gibt uns noch die Möglichkeit, uns zu wenden. Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Der nach seinen Worten handelt, den wird er an jenem Tag erkennen, den wird er zu sich in das Himmelreich nehmen.