5. Fastensonntag (03.09.2008.)

Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.  Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank. Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.  Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus. Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.  Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen und du gehst wieder dorthin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;  wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist. So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden. Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf. Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen. Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling), zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben. Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag. Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte. Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen. Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!  Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn. 

Der Evangelist erklärt uns, dass Betanien nahe bei Jerusalem war, etwa fünfzehn Stadien entfernt, das bedeutet so ungefähr 3 km. Es war darum wichtig, dies anzumerken, weil es auch eine andere Ortschaft namens Betanien gab, die aber jenseits des Jordan lag, wo Johannes getauft hatte. Der deutsche Text sagt: „Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.“ Das ist aber nicht richtig übersetzt. Nach dem lateinischen Text: „Maria autem domi sedebat“ sollte man übersetzen: „Maria aber saß im Haus“ und das bedeutet nicht einfach, dass sie dem Herrn nicht entgegen ging, sondern dass sie nach jüdischem Brauch nach dem Tod ihres Bruders „Schivach“ hielt. Schivach ist eine Trauerzeit, wobei man barfuß auf dem Boden oder einem niedrigen Hocker im Haus des Verstorbenen oder eines anderen nahen Verwandten sitzt und sich aller Arbeit und Zerstreuung - ja sogar der Synagogengebete - enthält. Während dieser Zeit besuchen einen Freunde zum Trösten und zum Gebet. Das bestätigt auch das Evangelium, wenn es erzählt, dass „Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging.“ 

Außerhalb der Ortschaft hören wir einen sehr interessanten Wortwechsel zwischen dem Herrn und Marta. Marta hatte sich viele Sorgen und Mühen gemacht und früher einmal zu murren begonnen: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ (Lk 10,40), und jetzt hat sie sich wieder entrüstet „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“. Darauf kommen die beruhigenden Worte des Herrn „Dein Bruder wird auferstehen.“ Die Antwort der Marta ist sehr interessant: „Ich weiß, dass er auferstehen wird.“ Woher wusste sie das? Zur Zeit Jesu hat diese Frage die Gesellschaft gespalten. Die Pharisäer glaubten im Gegensatz zu den Sadduzäern an die Lehre des Propheten Daniel: „Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach, zur ewigen Abscheu“ (Dan 12, 2). Diese Spaltung hat auch Paulus ausgenutzt, und da er wusste, dass der eine Teil des Hohen Rates zu den Sadduzäern, der andere zu den Pharisäern gehörte, rief er aus: „Brüder, ich bin Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht. Als er das sagte, brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern aus, und die Versammlung spaltete sich“ (ApG 23, 6-7).  

Der Dialog zwischen dem Herrn und Marta ging weiter. Der Herr befahl: „Nehmt den Stein weg!“ 

Er stinkt schon; denn er liegt seit 4 Tagen (V. 39): Jesus hatte in Lukas 7,11-17 und 8,41-56 auch schon Tote auferweckt. Auch Elia und Elisa taten dies in 1. Kön. 17,17-24 und 2.Kön. 4,17-37. Auch heute kommt es bei klinisch Toten schon mal zu Wiederbelebungen. Aber noch nie wurde ein Mensch, der schon mehrere Tage in einem heißen Land am Verwesen war, wieder auferweckt. 
Auch ist die Zahl "4" bewusst gewählt, da nach jüdischem Denken in den ersten 3 Tagen eine Wiederbelebung noch denkbar ist, aber danach absolut ausgeschlossen wird. Marta, die Schwester des Verstorbenen hat Einspruch erhoben: „Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Diese Wendung „es ist bereits der vierte Tag“ bedeutet soviel, dass er schon ganz bestimmt tot ist. Ein Midrasch legt uns dar, dass die Seele drei Tage lang an das Grab zurückkehrt, sie meint, dass sie in den Leib zurückkehren werde. Wenn sie aber am vierten Tage sieht, dass der Glanz seines Angesichts ausging, entfernt sie sich endgültig (vgl. GnR 100 - 64a). Bevor die Medizin in der Lage war, eindeutig zwischen Koma und Tod zu unterscheiden, wurden manchmal Menschen lebendig begraben. Darum schrieb ein talmudischer Traktat vor, man sollte drei Tage lang zur Begräbnisstätte hinausgehen und prüfen, ob die Toten noch lebendig sind und irrtümlich begraben wurden (Semachot 8,1). Kurz gesagt, die Worte Martas „Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag“ war keine hygienische Mahnung, sondern die Bekräftigung des Todes ihres Bruders.  

Jesus antwortete auf die besserwisserischen Worte der Marta: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?... Dann „rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!  Da kam der Verstorbene heraus.“ 

Die Belehrung des heutigen Evangeliums gibt uns die Bedeutung des Namens des Auferstandenen. „Lazarus“ (El-eazar) ist ein hebräischer Name und bedeutet „Gott hat geholfen“. Der Vater hat immer den Sohn erhört. Das Fundament seiner Hilfe ist das Glaubensbekenntnis, das Marta mit den Worten aussprach: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“