2. Sonntag im Jahreskreis

Wien, am 20. Jänner 2008

Jn 1, 29-34

Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes. 

In der heutigen Messe erfahren wir, wie Johannes der Täufer Jesus seinen Jüngern vorgestellt hat. Es geschah auf der östlichen Seite des Jordan; nach dem Tag, an dem Johannes eine Delegation der Juden von Jerusalem empfangen hatte, sah er Jesus auf sich zukommen. Er wandte sich an seine Jünger und sprach: „Seht, das Lamm Gottes.“ Diese Benennung war berechtigt. Israel hielt den Herrn für seinen Hirten. Wunderschön singt der Psalmist: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“ (Ps 23,1). Gregor von Nazianz, genannt auch „der Theologe“, zieht daraus die Schlussfolgerung, dass die Menschen die vom Herrn geweideten Lämmer sind. Der heilige Gregor von Nyssa und der heilige Augustinus gehen weiter. Durch die Inkarnation (Fleischwerdung) wurde der Hirte der Menschheit zum Lamm Gottes (vgl. Vanyó László, Katekézis, költészet és ikonográfia a 4. században, Budapest, 2005, 122). 

Das Lamm Gottes „nimmt hinweg die Sünde der Welt.“ Es ist ein sehr schwer erfassbarer Begriff. Die meisten Menschen denken, die Sünde der Welt wäre die Summe der Sünden der Menschheit. Aber das ist falsch. Von Anfang an hat sich nach der Sünde unserer Ureltern die Sünde weit verbreitet. Kain wurde Brudermörder. Der Nachkomme Kains, Lamech, sang eine Lobhymne auf die Blutrache (Gen 4, 23). Zur Zeit Noachs sah sich Gott die Erde an: „Sie war verdorben, denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben“ (Gen 6, 12). Dann kam die Zeit, in der die Menschen einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel bauen und so die Macht Gottes an sich reißen wollten (vgl. Gen 11, 1-10). Es ist wie die Donau. Sie entspringt im Schwarzwald, aus der Donauquelle wird ein Bächlein, ein Fluss, ein mächtiger Strom. Das reißende Hochwasser der Sünde ist die Sünde der Welt. In diesem reißenden Strom der Sünde kämpfen wir mit dem Ertrinken (vgl. Gál Ferenc, Dogmatika, 1, Budapest, 1990, 202). 

Wie können wir uns vor diesem Ertrinken retten? Jeder kennt die Erzählung des Baron Münchhausen. Bei der Verfolgung eines Hasen – erzählt der Lügenbaron – wollte ich mit meinem Pferd über einen Morast setzen. Mitten im Sprung musste ich erkennen, dass der Morast viel breiter war, als ich anfänglich eingeschätzt hatte. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich zum zweiten Mal noch zu kurz und fiel nicht weit vom anderen Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines Armes mich an meinem eigenen Haarzopf, samt dem Pferd, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte. Dasselbe Märchen wäre es, wenn man sagen wollte: ich kann mich selbst aus dem Morast der Sünde der Welt retten.  

Im Tanach bzw. Alten Testament lesen wir von den Pessach-Lämmern. Vor der Nacht, da die Israeliten aus Ägypten auszogen, haben alle Familien ein Lamm geschlachtet. Das Blut der Lämmer wurde als Schutzzeichen vor dem Todesengel an den Türpfosten gestrichen. „Wenn ich das Blut sehe, – versprach der Herr – werde ich vorübergehen und das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen“ (Ex 12, 13). Nach christlicher Theologie ist Jesus Christus der Mittler, der durch sein Blut die Versöhnung zwischen Gott und der in den Morast der Sünde gefallenen Schöpfung hergestellt hat. Diese Versöhnung wird im Glauben an Jesus als Erlöser und der Taufe dem Menschen übertragen. 

Schön schreibt der heilige Petrus: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel“ (1Petr 1, 19).