Weihnachten

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht..

Zu Weihnachten dürfen alle Priester drei Messen zelebrieren. Um Mitternacht die Mette, am frühen Morgen das in der Volkssprache so genannte Hirtenamt und am Tage das Hochamt. Diesen Brauch finden wir schon in der Urgemeinde von Jerusalem. In der Nacht sammelten sich die Christen in der Geburtsgrotte in Betlehem und heiligten die Stunde der Geburt des Herrn durch die Feier einer Messe. In der frühen Morgenstunde haben sie sich nach Jerusalem aufgemacht und, da die Morgendämmerung an die Auferstehung des Herrn erinnerte, in der Auferstehungskirche die zweite Messe gefeiert. Diese zweite Messe nennt man auch Hirtenmesse, oder das Hirtenamt, da die Urchristen wie die Hirten die fröhliche Botschaft nach Jerusalem brachten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr“ (Lk 2, 11). Am Tage kamen sie noch einmal zusammen in der Hauptkirche, um das Hochamt zu feiern (vgl. Pius Parsch, Das Jahr des Heiles, I., Ed14, Klosterneuburg, 1952, 253).

Wir steigen erst die Treppe hinunter zur Geburtsgrotte, in der der Heiland der Welt geboren wurde. Das Evangelium der Mette erklärt uns, dass die Mutter Gottes und der Heilige Joseph sich darum hier niedergelassen haben, „weil in der Herberge kein Platz für sie war“ (Lk 2, 7). Betlehem war ein fruchtbares Land. Die Heilige Schrift nennt es ein Land, das „von Milch und Honig fließt“, wo mehrere Karawanenstraßen sich kreuzten, darum denken auch einige, dass unter „Herberge“ eine „Karawanserei“ zu verstehen wäre. Das ist aber falsch, da die ersten Karawansereien erst im späten 10. Jahrhundert in Zentralasien entstanden. Was sollen wir also unter „Herberge“ verstehen? Nach römischer Sitte waren schon vom 1. Jahrhundert v. Chr. an in regelmäßigen Abständen, Straßenstationen aufgebaut. Wahrscheinlich müssen wir an ein solches römisches „mansio“ denken. Sie fanden eine einfache Wohngrotte außerhalb der Stadt. Eine Wohngrotte wie sie allgemein gewöhnlich war, eine Unterkunft für Menschen und Tiere. „Hier – sagt der Heilige Vater – hat der Himmel die Erde berührt und sie nicht mehr losgelassen“ (Joseph Ratzinger, Du bist das Licht der Welt, Leipzig, 2005, S. 16).

Der Heilige Lukas berichtet fantastisch realistisch über die damalige Lebenslage. Heutzutage sendet man eine Postkarte an die Bekannten, in der man mitteilt, dass ein Kind geboren ist. In Palästina werden auch heute die Kinder Zuhause zur Welt gebracht. Vor dem Zelt warten die kleinen Burschen. Jeder von ihnen möchte der erste sein, der die frohe Nachricht im Lager verbreitet. Wenn es dann so weit ist, dann laufen sie und rufen: „el-bisharan, el-bisharan“ große Freude, große Freude ein Kind (Bub) ist geboren“. Der Himmel hat aber die frohe Botschaft der Geburt des Retters nicht einer funktionsunfähigen Post oder schmutzigen kleinen Burschen anvertraut! Der Ewige Vater sandte einen Engel, der trat zu den Hirten und sagte mit den auch heute gebräuchlichen Worten: „ich verkünde euch eine große Freude … heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“ (vgl. Lk 2, 9-11).

Unsere Vorfahren verließen Betlehem, das gewöhnlich mit „Brothausen“ übersetzt wird. Sie verließen die Geburtsstätte dessen, der sich später selbst „das lebendige Brot, das vom Himmel herabkam“ nennen wird und hier buchstäblich auf Strohalmen in einem Futtertrog lag (vgl. Fulton J. Scheen, Leben Jesu, Freiburg i. B. 1961, 26-27). Wenn sie nach der Mette schon zur Morgenstunde das Hirtenamt gefeiert hatten, so feierten sie jetzt in der Hauptkirche von Jerusalem das Hochamt. Das war der Höhepunkt der Weihnachtsliturgie. Ganz feierlich klang das Evangelium: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ Aber auf einmal versagt dem Evangelisten die Stimme: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Wenn einmal die Geschichtsbücher bis auf die letzten Meldungen aus der Zeit ergänzt sein werden, dann wird die erschütterdste Eintragung die sein: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Aber dann wird die Stimme des Evangelisten auf einmal ganz triumphierend und verkündet uns das schönste Weihnachtsgeschenk: Allen aber, die ihn aufnehmen, gibt er die Macht, Kinder Gottes zu werden (vgl. Joh 1, 11-12). Nun haben wir die Möglichkeit, die Geburt des Gottessohns zu feiern und Kinder Gottes zu werden.