4. Adventsonntag

Wien, am 23. Dezember 2007

4. Adventsonntag

Mt 1, 18-25

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben,“ das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus.

Das heutige Evangelium spricht von zwei Episoden vor der Geburt Jesu Christi. Von der jungfräulichen Empfängnis Marias und von der ehelichen Geburt des Herrn. An das erste Geschehnis erinnert uns die Verkündigungs-Basilika in Nazareth, an das andere die Heilige Joseph Kirche ebenfalls in Nazareth.

Die von Paul VI. am 23. März 1969 geweihte Verkündigungs-Basilika besteht aus zwei Ebenen. Die untere Kirche enthält die Grotte, die nach der Tradition, die Heimat von Maria war. Hier grüßte der Bote Gottes Maria mit den bekannten Worten: „Sei gegrüßt, du Begnadete.“ Hier verkündete der Engel „Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären“ (vgl. Lk 1, 28-31). Die Verkündigung verewigt auf dem Marmoraltar eine Inschrift: Verbum caro hic factum est Deutsch: Hier wurde das Wort Fleisch.

Wir können von der zweiten Ebene aus der Basilika hinausgehen. Durch einen schönen Hof kommen wir zu der franziskanischen St. Josephs Kirche, die über einer Höhle gebaut ist, die seit dem 17. Jahrhundert mit dem Heim und der Werkstatt Josephs identifiziert wird. Hier erschien ihm ein Engel des Herrn und sagte ihm, dass er seine Braut zu sich nehmen solle, „denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist“, und das geschah: „damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.“

„Du wirst ein Kind empfangen“ – sagt ihr der Engel. Maria war eine Jungfrau im heiratsfähigen Alter (Hebräisch: almah vgl. David Stern, Kommentar zum jüdischen Neuen Testament, I., Holzgerlingen, 1992, 37), sie war kein naives Mädel. Der heilige Lukas, als Arzt, erzählt uns, dass Maria dem Engel sofort eine ganz natürliche Frage stellte: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34). Über die Antwort müssen wir uns nicht unseren Kopf zerbrechen. In der kurzen Episode des Evangeliums hören wir zweimal die Erklärung, dass sie durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen wird. Kurz darauf nahm Josef Maria als seine Frau zu sich, aber er erkannte sie nicht, d.h. in geschlechtlichem Sinn (vgl. Strack – Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testamen aus Talmud und Midrasch, Bd. I, München, 1961, 75). So ist die Lehre der Kirche verständlich: „Maria ist Jungfrau geblieben, als sie ihren Sohn empfing, Jungfrau, als sie ihn gebar, Jungfrau, als sie ihn trug. Jungfrau, als sie ihn an ihrer Brust nährte. Allezeit Jungfrau“ (KKK 510).

Der Engel des Herrn sagte dem Josef: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. Als Frau zu sich nehmen bedeutet heiraten, in sein Heim führen (Duden, Das Herkunftswörterbuch, Ed2 Mannheim, 1989, 277). Josef wunderte sich nicht über die Anweisung des Engels, da die Juden es so gehalten haben, dass der Mann theoretisch seine Lebensgefährtin selbstständig wählen konnte, aber der Stifter der Ehen war Gott (vgl. Strack – Billerbeck, Bd. II, S. 375). Der Engel, der genau wusste, dass nicht Josef der natürliche Vater des Kindes ist, hat ihn mit Vaterrechten ausgestattet. Ihm – dem Kind – sollst du den Namen Jesus geben. Den Namen zu geben, war das Recht des Vaters. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Von nun an ist Josef vor dem Gesetz der Vertreter der Heiligen Familie.

Es ist kein Zufall, dass wir an zwei aufeinander folgenden Tagen den ersten und den neuen Adam feiern. Am 24. Dezember denken wir an den ersten Menschen. Er ist der Vorfahre aller Menschen. Von ihm sagt die Bibel, dass er die Gestalt ist, die auf den Kommenden hinweist (vgl. Röm 5, 14). Gestalt des Kommenden, von dem die Jünger des Johannes des Täufers Jesus fragten: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ Am anderen Tag, zu Weihnachten, feiern wir die Ankunft des „neuen Adams“. Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. (Kol 1, 15). Er ist nicht nur Vorfahre aller Menschen, sondern der Erstgeborene der ganzen Schöpfung (Benedikt XVI, Jesus von Nazareth, Freiburg i. Br., 2007, 172).

Die zwei Adams gleichen sich in ihrer Geburt. Für alle beide gelten die Worte des Evangeliums „Sie sind nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren“ (Joh 1, 13). Aber es ist auch eine wesentliche Differenz zwischen beiden, von der der Heilige Paulus schreibt: Adam, der Erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der Letzte Adam wurde lebendig machender Geist (1 Kor 15, 45). Einfach gesagt: Leiblich stammen wir von dem Ersten Menschen ab, aber Leben bekommen wir von dem neuen Adam.