4. Adventssonntag (20. Dezember 2009).

Lk 1, 39-45 

In jenen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ. 

Die im Jahr 1969 geborene und aus Somalia stammende, niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali schreibt in ihrer Selbstbiografie, dass sie im Alter von vier oder fünf Jahren bei ihrer Großmutter in der Wüste Ziegenhirtin war. Die analphabetische Oma hat von früh bis abends der Enkeltochter ihre väterlichen und mütterlichen Ahnentafeln beigebracht. Ayaan musste sie auswendig lernen. Aus der Feder von Ayaan Hirsi Ali wird uns beigebracht, dass das Bekenntnis zum Stammbaum und so das Bekenntnis zu den Verwandten oft die Lebensrettung bedeuteten (Mein Leben, meine Freiheit, 2006). Das Zusammenhalten, die feste innere Bindung der Großfamilien ist nicht nur in Afrika sondern allgemein bei den östlichen Völkern Sitte.  

Auch in der Bibel finden wir Hinweise auf das Zusammenhalten der Großfamilien, der Stammeszugehörigen. Die Zusammengehörigkeit wird auf eine gut gepflegte mündliche Überlieferung zurückgeführt. Zwar geht aus den zwei Stammbäumen Jesu nicht hervor, in welchem Verwandtschaftsverhältnis Maria und Elisabet zueinander standen, aber aus den Worten des Engels bei der Verkündigung „Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen“ wird es klar, dass sie verwandt waren. Diese Verwandtschaft wird weiter unterstrichen durch die Verhaltensweise der Muttergottes. Sie machte sich auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging hilfsbereit in das Haus des Zacharias, um Elisabet in ihren schönen, heiligen, doch schweren Stunden beizustehen. Nach der Überlieferung handelt es sich hier um Ain Karim, dem Geburtsort des Heiligen Johannes des Täufers. 

      Das Treffen der zwei Frauen, die in gesegneten Umständen waren, haben viele große Künstler dargestellt, und die Worte der Elisabet „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ haben Komponisten in Töne gesetzt. Aber diese Worte sind auch uns sehr bekannt, da auch wir immer wieder beten: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ 

      In der patriarchischen Großfamilie war eine wichtige Frage die Autorität. Ungeschriebene Gesetze bestimmten, wer wann und wie die Autorität übernahm Wenn kein Mann da war, dann musste diese Rolle die Ranghöchste übernehmen. So ist es verständlich, dass die aus priesterlicher Familie stammende Elisabet die aus fürstlicher Familie stammende Maria so anspricht: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Das ist natürlich nur ein menschlicher Gedanke. Der wahre Grund und die wahre Quelle der Freude war, dass Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt wurde.  

      Bei uns Katholiken wird mit den frühmorgendlichen Heiligen Messen der Advent hervorgehoben. In diesen Messen wiederholt sich die große Begegnung. Die Jungfrau trifft sich mit den Kindern. Die Teilnehmer an einer Roratemesse erleben oft, was Elisabet erfahren hat, und werden vom Heiligen Geist erfüllt. In den seeligen Stunden der Begegnung sollten wir die Worte der Elisabet wiederholen: Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.