29. Sonntag im Jahreskreis (18. Oktober 2009)

Mk 10, 35-42 

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen. Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. 

Jakobus und Johannes gehörten zu den auserwählten Aposteln. Außer Petrus waren nur sie anwesend bei der Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor, und sie gingen mit dem Herrn auch in das Haus des Jairus, als Jesus die zwölfjährige Tochter des Synagogenvorstehers auferweckte. Heute hören wir, dass sie den Herrn auf dem Weg nach Jerusalem für die Zukunft um zwei bevorzugte Plätze baten. Das klingt darum nicht ganz so peinlich, weil in der Tradition Salome, die Mutter der Söhne des Zebedäus, als eine Verwandte von Maria, der Mutter Jesu, bezeichnet wird. Deshalb gehörten die Zebedäus-Söhne schon durch ihre Herkunft zur „Familie Jesu“. Na ja, wenn einige dem Feuer nahe sitzen, ist es wohl ganz natürlich, dass sie von dem Braten die besten Bissen bekommen werden. 

Als die zehn anderen Jünger die Bitte der Zebedäus-Söhne hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes – erzählt uns Markus die Geschehnisse weiter. Weshalb wurden sie eigentlich böse? Sie – und wir ebenfalls –, haben auch dasselbe Verwandtschaftsrecht. Der Herr hat das schon früher deklariert: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Mk 3, 35). Ich muss mich aber dennoch korrigieren. Die Verwandtschaft mit dem Herrn durch die Taufe und ein christliches Leben ist ja klar, aber deshalb von irgendwelchen Rechten gegenüber Gott zu sprechen, das ist ganz, ganz falsch. Das Recht sieht für den Fall, dass jemand Verhaltensregeln nicht einhält, Sanktionen vor. Einige ganz primitive Leute denken so, dass sie Gott bestrafen, sanktionieren, wenn er die Sachen nicht so erledigt, wie sie es wünschen, und verlassen die Kirche. Bewusst habe ich nicht von „Austreten“ gesprochen, da die Kirche keine Kneipe ist, in die man hineingeht, und dann, wenn man nicht nach Herzenslust bedient wird, wieder hinausgeht, um eine andere Schenke aufzusuchen. Aber es gibt doch eine Ähnlichkeit mit der Kneipe, jedoch nur in dem Sinn, dass man hier seinen Durst löschen kann, da der Wirt jeden einlädt: „Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke!“ Ich will dem Dürstenden aus dem Quell des Lebens Wasser geben, umsonst. 

Gott sei Dank, dass wir sagen können, wir erinnern uns, und nicht wie in einigen Ländern der Welt sagen müssen, dass wir es von Tag zu Tag erleben, dass man für Wasser und Lebensmitteln in der Reihe stehen muss. Hier muss man sich nicht drängen und mit den anderen zanken: „Ich war früher hier… Sie haben noch geschlafen, als ich schon in der Reihe stand… und so weiter und so fort.“ Hier wird jeder, egal, ob er um die dritte, sechste, neunte oder um die elfte Stunde kommt, sofort bedient. 

Na, das ist schön! Dennoch sage ich, dass der Herr uns selbst anweist, bitte drängt euch. Drängt euch näher heranzukommen! Der Herr hat auch seine Verwandten nicht weggeschickt, sondern ihnen nur erklärt: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“. Wie geht das? Nur rasch noch ein Beispiel. In den Fünfziger-Jahren sind wir stundenlang um Brot in der Reihe gestanden. Einmal habe ich ein Stanitzel Zucker bekommen. Zu Hause haben wir uns angewöhnt, dass man jedem, was man hat, antragen muss. Na, so ging ich mit meinem Zucker durch die Reihe und habe ihn jedem angetragen. Gott sei Dank nahm nicht jeder. So kam ich an den Beginn der Reihe, wo man mich gleich bedient hat. Einfach gesagt: Mit dienen wird man früher drankommen als mit zanken.