23. Sonntag im Jahreskreis (06. September 2009)

Mk 7, 31-37 

Effata, öffne dich! 

Von Tyrus aus ging Jesus in die Stadt Sidon und von dort wieder an den See von Galiläa in das Gebiet der Zehn Städte. Dort wurde ein Taubstummer zu ihm gebracht, damit er dem Mann die Hände auflegen und ihn heilen sollte. Jesus führte den Kranken von der Menschenmenge weg. Er legte seine Finger in die Ohren des Mannes, berührte dessen Zunge mit Speichel, sah auf zum Himmel, seufzte und sprach: «Öffne dich!» Im selben Augenblick konnte der Taubstumme hören und sprechen. Jesus verbot den Leuten, darüber zu reden. Aber je mehr er den Menschen einschärfte, nichts über diese Ereignisse zu berichten, um so schneller wurden sie bekannt. Denn für die Leute war es unfassbar, was sie gesehen hatten. «Es ist einfach großartig, was er tut!» erzählten sie überall. «Selbst Taube können wieder hören und Stumme sprechen!» 
 

     Der erste Satz des heutigen Evangeliums hört sich an wie ein Reiseangebot eines Reisebüros: von Tyros durch Sidon zu den Zehn Städten. Der Herr ging diesen Weg natürlich zu Fuß. Heute ist dieser Weg gefährlich. Tyros und Sidon gehören zum Staat Libanon. Dann müsste er durch Nord-Israel und durch das heutige Syrien über die Golanhöhen zu den Zehn Städten im heutigen Jordanien gehen. Das ist ein Ausflug von ungefähr 120-150 Kilometern. Sein Ruf ging ihm voraus. So ist es verständlich, dass gleich, als er ankam, ein Taubstummer zu ihm gebracht wurde. Heute leben auch viele Taubstumme unter uns. Man sollte sie zu dem Herrn bringen. Taub sind jene, die die Lehre Jesu nicht hören wollen. Manche von diesen laufen einer neuen Lehre nach und lassen sich lieber die Ohren kitzeln - wie der heilige Paulus schreibt (vgl. 2Tim 4,3). Die Stummen können auf alle Fälle tratschen, über andere schlecht reden aber von Gott nur dann, wenn sie Ihn eben beim Schimpfen erwähnen.  

     Der Herr heilt den Taubstummen. Zuerst staunen wir über seine Methode. Er berührte dessen Zunge mit Speichel, sah auf zum Himmel, seufzte und sprach: „Öffne dich!“ Es ist ein bisschen befremdend. Aber man sollte wissen, dass schon auf einer assyrischen Tontafel die Heilkraft des menschlichen Speichels erwähnt wurde. Auch die heidnischen Römer glaubten, dass blinde Kinder durch den Speichel ihrer Mutter geheilt werden können. Bei Verletzung eines Kindes sieht man auch heute, dass manche Mütter ihren Kindern schnell das Gesicht mit ihrem Speichel auf einem Taschentuch abwischen. Zur Zeit Jesu – lesen wir in der rabbinischen Literatur – hat man den menschlichen Speichel für ein Heilmittel gehalten. Aber bei Heilung genügte nicht die Berührung des kranken Körperteils, sondern man musste auch einen Spruch aufsagen. So sagte man zum Beispiel: Ich werde dir keine der Krankheiten schicken, die ich den Ägyptern geschickt habe. Denn ich bin der Herr, dein Arzt. Also man staunte nicht als Jesus die Ohren des Mannes und dessen Zunge mit Speichel berührte, und sprach: Effata! Öffne dich! Was Jesus tat, das war eine anerkannte ärztliche Methode.  

     Aber Taubstumme gibt es nicht nur unter den Behinderten. Nach einer statistischen Untersuchung reden Eheleute im Durchschnitt nicht mehr als siebeneinhalb Minuten pro Tag miteinander. - Eheberatung hat darum meistens nur ein Ziel: Die Sprachlosigkeit zu überwinden, das Miteinander-Sprechen und Einander-Zuhören (neu) zu lernen.

Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, ich fand in der Zeitung - ein paar Jahre ist es her - folgende Anzeige: „Ich höre ihnen zu“. - Weiter nichts. „Ich höre ihnen zu", das ist das Angebot. Ich weiß nicht, welchen Tarif dieser geschäftstüchtige Zuhörer hat. Ich frage mich nur: Wie weit ist es bei uns gekommen, dass Menschen dafür bezahlen müssen, dass ihnen jemand zuhört? - Leben wir denn unter lauter Tauben? Es scheint so.

Es heißt zwar, wir würden heute in einer „Kommunikationsgesellschaft“ leben, weil es E-mails gibt und Faxe und Handys. Doch diese ganze Technik ändert nichts am frostigen Klima unter den Menschen, jener Unterkühltheit, die uns der Zeitgeist als "Cool-Sein" verkauft. - Was nützt es mir, wenn ich E-mails nach Australien schicke, aber die nächsten Nachbarn im Haus und in der Straße ignoriere?

Auf Dauer ist Sprachlosigkeit tödlich für die Seele. Darum: Effata - öffne dich! - Benutze Mund und Ohren, die dir gegeben sind zum Kontakt mit deinen Mitmenschen!