22. Sonntag im Jahreskreis (30. August 2009)

Mk 7, 1-8. 14-15. 21-23 

aus dem Herzen 

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.  Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein. 
 

Das Thema unserer Perikope ist die Auseinandersetzung Jesu zur Problematik „rein und unrein", eine Problematik, die stark auf dem Hintergrund des jüdischen Lebens zur Zeit Jesu beruht. Rein, unrein – was bedeutet das? Unbeschwert von Schuld, unbefleckt an Körper und Seele: nur so konnten sich Menschen seit Urzeiten ihrem Gott nähern.  

Was das heute heißt, unterscheidet sich sehr zwischen den Religionen. Fallen die Worte rein und unrein, denken viele Menschen zuerst an Sexualität und Ernährung. Religionswissenschaftler unterscheiden zwischen der kultischen und der ethischen Reinheit. Es ist ja auch heute gültig, dass nur im Zustand kultischer Reinheit Juden und Muslime mit Gott in Beziehung treten können. Auch im Islam gelten ähnliche strenge Reinheitsgesetze. 

Bei uns im Christentum ist das Denken in den Kategorien der kultischen Reinheit und Unreinheit überwunden. Von großer Bedeutung ist jedoch die Frage nach der ethischen Reinheit. Der Ausgangspunkt unserer christlichen Denkweise ist: Nichts, was von außen auf den Menschen trifft, kann ihn unrein machen, sondern nur das, was „aus dem Menschen herauskommt", d. h. aus seinem Denken und Wollen kommt. Wo immer im Neuen Testament von Reinheit die Rede ist, geht es im Kern um das sittliche Verhalten der Christen. 

Der Gedanke der Reinheit ist keineswegs überholt. Aber er hat sich verändert. Zum Beispiel werden Kinder bis heute als Zeichen ihrer Reinheit in weiße Taufkleider gehüllt. Die Reinheit bedeutet hier frei von Sünde sein, im Stand der Gnade sein. In dem Sinn besteht auch bei uns Christen die Vorschrift, nur im Zustand der Reinheit mit dem Herrn im Allerheiligsten in Beziehung zu treten. Ja, das war jetzt sehr kompliziert. Einfach gesagt: Es ist ja vernünftig, wenn man sich vor dem Essen die Hände wäscht. Auch christliche Eltern rufen ihre Kinder vor dem Essen: „Kinder, Hände waschen!“ Aber wenn man zum Tisch des Herrn geht, dann hören wir einen anderen Ruf: „Bitte Buße tun! Notfalls sollte man auch zur Beichte gehen!“ Mir erscheint es noch immer seltsam, dass man in Wien in eine Kirche geht, und jeder geht zur Kommunion. Sind hier alle im Stand der Gnade? Sind die alle ohne Sünde? Ein Freund hat es mir erklärt: schon möglich. Du hast es auch gelernt: Sünde kann man nur bewusst und gewollt begehen. Die haben wahrscheinlich nicht den geringsten Schimmer, was eine Sünde ist, nicht weil sie so heilig sind, sondern weil sie so simpel und unklug sind. 

Also Reinheit und Unreinheit. Der Herr sagt nicht, dass man sich vor dem Essen die Hände nicht waschen sollte, sondern dass man außerdem, und das sei wichtiger, vor der Kommunion die Herzen reinigen soll.