16. Sonntag im Jahreskreis (19. Juli 2009)

Gewissenserforschung oder …? 

Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. 
 

     Ich denke, man muss niemandem erklären, was eine Gewissenserforschung ist. Vor unserer Erstkommunion hat es uns der Herr Pfarrer oder der Herr Kaplan ganz genau erklärt, deshalb haben wir als Kinder keine Schwierigkeit gehabt, eine Gewissenserforschung zu halten. Damals hat man noch nicht davon geplappert, dass ein Kind keine Sünde begehen könne. Das ist ja auch nicht wahr. Jeder der zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, kann auch sündigen, wenn er das Böse wählt. Jedes Kind wusste, dass es gesündigt hatte, wenn es ungehorsam war, wenn es mit Schwestern oder Brüdern gezankt hatte, wenn es gelogen hatte, wenn es nicht zur Kirche gegangen war und so weiter und so fort. Man versuchte die Sache nicht psychologisch zu erklären, zumal jeder wusste, dass die Gesetze der Psychologie Gott nicht binden und so in der Beziehung zwischen Gott und den Kindern und allgemein zwischen Gott und den Menschen die Psychologen nichts verloren haben. 

     In der katholischen Kirche findet die Gewissenserforschung ihren Platz allabendlich im Abendgebet. Hilfe bei einer Gewissenserforschung bieten die Gewissensspiegeln. Das sieht sehr gut und praktisch aus. Aber wenn man Jahre lang jeden Abend Gewissenserforschung hält, wird es auch mit dem besten Willen und den besten Gewissensspiegeln langweilig. Es ist wirklich so, wie mir einmal ein Beichtkind gesagt hat: muss ich immer alle meine Sünden aufzählen? Könnte ich nicht einfach sagen: dieselben? Lohnt es sich da noch, eine Gewissenserforschung zu halten? Könnte ich nicht auch beim Abendgebet die Sache ganz einfach abkürzen und statt eines langweiligen Zeitvertreibs, da man an alles denkt nur eben am wenigsten an seine Sünden, kurz sagen: Herr dieselben! Ich brummte in mich hinein und fragte mich: Haben auch die Apostel eine Gewissenserforschung gehalten? Und wenn ja, wie haben sie das gemacht? Saßen sie am See Genezareth und dachten nach wie sie untereinander gezankt haben, wer von ihnen der größte sei? Hat Petrus nachgedacht, wie kleingläubig er war, als er auf dem Wasser gehen wollte und unterzugehen begann?  

     Und auf einmal ist es mir zu Bewusstsein gekommen. Die Apostel saßen nicht da und guckten in das große Nichts hinein, sondern – wie der hl. Markus heute uns in dem Evangelium erzählt – die Apostel versammelten sich bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Also sollte auch ich an jedem Abend zu Jesus gehen und ihm berichten, was ich am ganzen Tag getan und gesagt habe. Das heißt dann zwar nicht mehr „Gewissenserforschung“, aber diese Begegnung mit dem Herrn wird viel-viel fruchtbarer sein als immer wieder im selben Misthaufen herumzustochern. Von da an wurde es für mich sehr spannend, mich am Abend mit dem Herrn zu treffen und ihm alles zu erzählen, was geschehen ist. Ich schlage vor, man sollte es versuchen!