12. Sonntag im Jahreskreis (21. Juni 2009)

Mk 4, 35 - 41 

An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen? 
 

     Das Sonntagsevangelium von heute will uns eine ganz einfache Wahrheit lehren: Wenn es in unserem Leben etwas Sorge oder Schwierigkeiten gibt und man darum Angst hat, dann ist die Lösung, dass man den irgendwo hinten in unserem Herzen schlafenden Herrn wecken und, statt zur Beruhigungspille zu greifen und zum Tranquilizer, es mit dem Glauben probieren soll. Den Herrn bitten: Hilf mir!  

     Ein glühender Christushasser des 19. Jahrhunderts war Friedrich Nietzsche. Aber auch er hatte Augenblicke in seinem Leben, in denen das verborgene Ebenbild Gottes in ihm vor Sehnsucht aufjammerte und aufschrie. In einer solchen Situation beschreibt er sein Leben als eine Wanderung durch trostloses Winterland. Das Gedicht endet mit der Strophe: 

                       Die Krähen schrei'n

                       Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

                       Bald wird es schnei'n –

                       Weh dem, der keine Heimat hat! 

     Nur einige Jahre später ging Nietzsche in Turin auf eine Kutsche zu und legte sein umnachtetes Haupt Hilfe suchend an den Kopf des Pferdes, begann zu schluchzen. Das Geschehnis, über das im Evangelium berichtet wird, soll eine Ermahnung sein, es sollte unter uns Christen niemanden geben, der in den Nöten seines Lebens seinen Kopf Hilfe suchend an den Kopf eines Pferdes oder an ähnliche Köpfe von sogenannten Heilspropheten legen müsste. Nur das Haupt voll Blut und Wunden vermag den Stürmen des Lebens zu gebieten, so dass dann Stille eintritt.  

     Die Apostel hatten Angst. Es erstaunt mich nicht. Es gibt ein Kibbuz, Ginnosar genannt, am Nordwestufer des Sees Gennesaret im Heiligen Land. Hier wird einem ein 2000 Jahre altes Fischerboot mit über acht Meter Länge, oft schlicht Jesus-Boot oder Petrus-Boot genannt, gezeigt. Als ich es zum ersten Mal sah, dachte ich, in dem hätte ich auch bei einem Unwetter Angst gehabt. Der Herr fragt seine vor Angst zitternden Jünger: „Habt ihr noch keinen Glauben?" Die Angst ist nämlich ein unverkennbares Symptom für den Kleinglauben. Wenn ein heftiger Wirbelsturm unser Leben verstört und aufwühlt, suchen wir nicht ein Pferd, Drogen, Psychiater, Wunderdoktoren, sondern wecken wir unseren schlafenden Glauben, dass der Herr auch unserem Herzen befehlen kann: Schweig, sei still! Und das Wetter in unserem Herzen legt sich, und es wird völlige Stille eintreten.