11. Sonntag im Jahreskreis (14. Juni 2009)

Mk 4, 26 - 34 

Gott sorgt 

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da. Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können. Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war. 
 

     Ein wesentliches Element der Verkündigung Jesu in den Evangelien sind die bildhaften Erzählungen, die man landläufig Gleichnisse nennt. Das heutige Sonntagsevangelium enthält zwei Reich-Gottes-Gleichnisse Jesu. Schauen wir uns wenigstens das erste dieser beiden Gleichnisse ein wenig näher an: ganz schlicht und einfach erzählt es, wie ein Bauer Samen auf seinen Acker säte; dann ging er, legte sich nieder, stand wieder auf; es ward wieder Tag, es ward wieder Nacht. Die Erde hat von selbst ihre Frucht gebracht. Natürlich müsste der Bauer vorher alles für die Samen vorbereiten. Aber das eigentliche Wachsen und Reifen des Korns nach geschehener Aussaat durch den Bauern „geschah ganz von selbst", wie es wörtlich im Evangelium heißt. Wir möchten heute statt „ganz von selbst“ so sagen: „automatisch“. Im griechischen Urtext des Evangeliums steht tatsächlich das griechische Wort „automaté“.  

      Wer hat nur diese Automatik in die Natur hineingelegt? Auf diese Frage möchten alle Gottgläubigen die einfache Antwort geben: „Der Schöpfer“. Und nach dem Er alles vorbereitet hat, geht er ruhen, wie der Bauer in dem Gleichnis? Nach unserem Glauben steht die Sache nicht ganz so. Ein ungarischer Dramatiker, Imre Madach, dessen dramatisches Hauptwerk Die Tragödie des Menschen ist, schreibt in seinem Wunderwerk über die Schöpfung der Welt. Nachdem Gott sein Werk beendet hatte, schreibt der Dichter: „Der Mechanismus läuft, der Schöpfer ruht. Äonen bleibt das Räderwerk in Fluss, eh eine Schraube man ersetzen muss."1 Bis heute wurde das Werk in ungefähr 40 Sprachen veröffentlicht. Als wir in der Schule Literatur lernten, sagte unser Literaturprofessor, der ein Franziskaner war: „Sehen sie meine Herren, aus diesem Satz sollte ihnen klar werden, dass unser Verfasser nicht katholisch war.“ „Wieso?“ – staunten wir. Und die Antwort lautete: „Aber bitte! Das müssten sie schon aus dem Kleinen Katholischen Katechismus wissen. Gott ruht nämlich nie. Erinnern sie sich? Die Frage war: „Was tut Gott noch immer für die Welt?“ Und die Antwort ist: „Gott erhält und regiert die Welt.“ 

      Es scheint nur uns so, dass alles automatisch läuft. Denken wir ein wenig darüber nach, welche Rolle heute in der Technik, in der Industrie die immer weiter voranschreitende Automation spielt, bis hinein in Dinge des Alltags, die uns fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden sind wie etwa die Automatik im Auto, in der Waschmaschine, im Telefon usw. Und dieser Automationsprozess geht weiter, hat doch die Elektronik bis hin zu den kleinsten Mikrocomputern ihren Siegeszug angetreten: Alles wird programmiert und mit einem einzigen Druck auf den Knopf in Betrieb gesetzt. Und doch geht es nicht ganz ohne den Menschen! Der Mensch muss die Maschine bauen, er muss das Programm dazutun und muss sie erhalten… Sonst kommt eine Katastrophe wie in der ukrainischen Stadt Tschernobyl.  

Das heutige Evangelium ist so beruhigend. Der Bauer hat seine Pflicht getan. Er kann ruhig schlafen. Zwar nicht von selbst, aber „die Erde bringt ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.“ Gott sorgt für den Weizen des Bauern. Und was ist mit uns? Können wir auch ruhig schlafen? Wo ist denn ein Mensch, der keine Sorgen hat? Wo der, der keine Probleme, keinen Kummer kennt? Und was dann? Der Hl. Petrus gibt uns einen guten Rat: „Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch.“ (1Pt 5,7) Was auch immer geschieht, Gott hält seine Hand schützend über uns. Wie der Psalmist so wunderschön schreibt: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“ (Ps 139, 5). Also können wir ruhig den Bauern nachahmen, schlafen und wieder aufstehen.