5. Sonntag der Osterzeit (10 Mai 2009)

Joh 15, 1 - 8 

Unsere Zukunft 

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,  werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. 
 

     Schon im alten Mesopotamien konnte man lesen: „Der Wein gehört zu den kostbarsten Gaben der Erde. So verlangt er Liebe und Respekt, wir haben ihm Achtung zu erweisen." Dem entsprechend ist es verständlich, dass die Weinbaugebiete im Nahen Osten bis heute sehr kultiviert aussehen, obwohl die Muslims keinen Wein trinken. Bei einer Pilgerfahrt ins Heilige Land, finden sich in Cremisan bei Betlehem, am Wege der Patriarchen bei Hebron, am Gebirge Karmel in Nordisrael wunderschöne terrassierte Weingüter. Die Weingebiete waren in Israel nicht nur schön, vielmehr gehörte es bei den Juden zu einem Mahl, einen Gespritzten zu trinken. Wein pour zu trinken war nicht Sitte. So ist es klar, dass die Jünger – wenn sie auch verschiedene Berufe ausübten - das Gleichnis von der Reinigung der Weinrebe sogleich verstanden haben. Es war für sie evident, dass die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt. Auch bei uns hier in Mitteleuropa ist das Gleichnis deutlich verstehbar. Für ein Eskimokind müsste man das Gleichnis allerdings erklären. 

     Was aber der zweite Teil des Gleichnisses bedeutet, das muss man - besonders heutzutage - auch in Europa erklären. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Der bekannte Juraprofessor Dr. Paul Kirchhof veröffentlichte in der deutschen Tageszeitung Die Welt (vom 19.08.2005) eine Vision. In einem kritischen Kommentar zur neuen EU-Verfassung vertritt Kirchhof die Meinung, dass in der neuen Verfassung die Basis europäischer Werte, das Christentum, unbeachtet bleibt, und setzt dem entgegen, dass „ein Europa ohne Christentum ein Europa ohne Zukunft“ sei. Auch Kardinal Ratzinger sah die Sache so. Er schrieb: Europas geistige Entwicklung geht auf fatale Art und Weise mit der Erleuchtung einher. Die Früchte dieser Entwicklung waren die faschistischen und kommunistischen Regime des 20. Jahrhunderts, deren ungenießbare Brühe wir heute trinken müssen. Ratzingers Diagnose des derzeitigen Europa fällt daher ziemlich düster aus und er verwendet sogar das Wort ‚Selbsthass’, um den Unwillen vieler Europäer, sich mit den Traditionen der eigenen geistlichen Wurzeln zu beschäftigen, zu beschreiben. 

     Aber beim Heiligen Vater ist nicht dieser negative Ton das letzte Wort. Wir haben eine Zukunft. Benedikt XVI. sieht den Weg aus der Krise in der Rückwendung zur Religion. Nach der seelischen Verödung, die der Faschismus, Kommunismus und Liberalismus nach sich zog, liegt Europas und so auch unsere Zukunft in der Rückbesinnung auf unsere christlichen Wurzeln. Das ist ja nichts Neues. Der Herr erklärte schon im Evangelium: Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Jeder, der gegen das Christentum auftritt, ist ein Feind der Menschheit, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.