6. Sonntag im Jahreskreis (15. Februar 2009)

Mk 1, 40-45 

Wunder 

In jener Zeit  kam ein Aussätziger zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein! Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis meiner Gesetzestreue sein. Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, so dass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm. 

     In der ersten Lesung hörten wir das Gesetz des Herrn: der Aussätzige soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers. Wahrscheinlich hat Luther deshalb das Wort „die Lepra“ als „der Aussatz“ übersetzt. 

     Der Aussatz ist eine Infektionskrankheit, die im 16. Jahrhundert in Europa fast ausgestorben war. Die Lepra ist heutzutage durch Breitbandantibiotikum heilbar und man kann sogar im fortgeschrittenen Stadium, wenn schon das Gesicht entstellt ist, die Finger abgefallen sind, die Füße amputiert sind, auch dann noch mit Hilfe des Medikaments die Krankheit in Schach halten. Trotzdem ist in der Welt die Lepra auf dem Vormarsch. Weltweit werden jährlich 300.000 neue Fälle registriert. In Süd-China stehen von der Welt abgeriegelte Dörfer, wohin Armeetransporter die erkrankten Menschen bringen. Am Eingang zum Dorf steht geschrieben: „Fremder, bis hierhin und nicht weiter: Hinter diesen Mauern findest du nur den Tod.“ 

      Zur Zeit des Alten und Neuen Testaments konnte man die Lepra nicht heilen. Der Heerführer des Königs von Syrien, Naaman, war an Aussatz erkrankt. In seinem Haus wohnte eine junge jüdische Sklavin. Dieses Mädchen fühlte Mitleid mit Naaman und riet ihm, sich auf den Weg zu einem Propheten nach Israel zu machen. Der König von Aram sagte ihm: So geh doch hin; ich werde dir ein Schreiben an den König von Israel mitgeben. In dem Brief stand: Ich habe meinen Knecht Naaman zu dir geschickt, damit du seinen Aussatz heilst. Dass man den Aussatz nicht heilen konnte, wird klar aus dem Wort des Königs von Israel: Bin ich denn ein Gott, der töten und zum Leben erwecken kann? Dann aber sandte er den Kranken zu dem Propheten Elisa. Der verordnete ein Tauchbad im Jordan. Naaman war danach geheilt. Der Nicht-Israelit Naaman erkennt die Größe des Gottes Israels (2Kön 5). 

     Im heutigen Evangelium hörten wir ebenfalls von einem Wunder. Ein Aussätziger bat Jesus: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein! Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz.  

      Was ist ein Wunder? Den Begriff Wunder gibt es in allen möglichen Bedeutungen. Man hört von den sieben Weltwundern, man spricht vom Wunder der Tierwelt, vom Wunder der Technik. Wenn aber die Evangelisten von den Wundern Jesu erzählen, meinen sie nichts von alledem. Alles, was in unserer Welt geschieht, hat eine Ursache, eine Kausalkette. Vielleicht ist es eine annehmbare Definition, wenn wir sagen: „Ein Wunder ist die Unterbrechung der natürlichen Kausalkette". 

Die Wunder haben den Zweck, ihre Nutznießer zur Anerkennung der Güte Gottes und zu einer Änderung ihres Lebens zu führen. Jesus sucht dabei nicht seinen eigenen Ruhm. Darum sagte er dem geheilten Aussätzigen: Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon. Durch das Wunder wollte Jesus bekräftigen, dass in Ihm das Reich Gottes bereits anwesend war. Mit dem Wunder wollte er den Glauben an ihn selbst bestärken. Der Glaube war immer eine Voraussetzung des Wunders. Darum sagt er der Martha vor der Auferweckung des Lazarus: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen (Joh 11, 40). 

Oft hören wir heute: Warum wirkt er heute kein Wunder? Nun, nicht die Wunder fehlen, sondern unser Glaube fehlt oder er ist sehr klein. Die richtige Bitte wäre heute nicht: „Herr, bewirke Wunder!“, sondern wie der Vater des kranken Kindes bat: „Herr! Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24).