Allerseelen (02. November 2008)

Es war eine Ausstellung über den prominentesten Pharao des Alten Ägypten im Museum für Völkerkunde Wien. Die wunderschöne Kunstsammlung führt die Jenseitsvorstellungen der alten Ägypter vor. Man hat den Herrscher mit viel Gold, mit teuren Gebrauchsgegenständen, mit seinen Dienern begraben. Man stellte sich vor, dass er in der anderen Welt, vergöttlicht, ebenso leben würde wie hier auf der Erde. 

Die Griechen hatten eine mehr spirituelle Vorstellung vom Jenseits. Alexander der Große starb, als er erst 33 Jahre alt war. Die Weisen sagten: „Gegen so viele und starke Gegner hat er gesiegt, doch gegen den Tod kann selbst ein Alexander nicht gewinnen.“ Als Alexander der Große starb, sagte er zu seinen Ministern: „Lasst meine Hände aus dem Sarg hängen.“ Sie sagten: „Komische Idee!“ Davon hatte niemand jemals etwas gehört. Niemand hatte das je vorher so gemacht. Ein Toter sollte sich anständig benehmen und seine Hände im Sarg lassen. Aber Alexander sagte: „Das ist mein Befehl und er soll erfüllt werden! Das ist mein letzter Wille. Es ist egal, ob das schon einmal jemand gemacht hat oder nicht, bei mir wird es so gemacht werden. Lasst meine Hände aus dem Sarg hängen!“ Sie fragten ihn: „Doch was steckt hinter deinem Wunsch?“ Alexander antwortete: „Millionen von Leute werden kommen und das sehen. Ich möchte es für alle deutlich machen, dass ich mit geschlossenen Fäusten auf die Welt kam, mit großen Erwartungen, mit großen geheimen Wünschen – und ich gehe total frustriert aus dieser Welt, mit offenen Händen. Ich nehme nichts mit mir mit. Alles hat sich als reine Einbildung herausgestellt.“ 

Was sagen wir Christen? Wie wir es schon gestern gehört haben, die Vorbereitung im Jenseits hat der Herr selbst gemacht: „Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ (Joh 14, 2). Wie schaut es dort drüben aus? Der Apostel der Völker schreibt den Korinthern: „wir verkündigen, … was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1Kor 2, 9). Kurz gesagt, wir können das Haus des Vaters nicht abbilden, nicht wiedergeben. Die Schönheit des Himmels kann man nicht mit menschlichen Begriffen darstellen. Man staunt, dass der Auferstandene nichts vom Himmel erzählt hat. So ist es aber gut, wir hätten es ohnedies nicht verstanden. 

Etwas müssen wir aber aus dem Brief des Paulus an die Korinther bemerken. Das Große hat Gott nur denen bereitet, die ihn lieben. Als Gebot lesen wir schon im Alten Testament: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dt 6, 4-5). Aber in Neuen Testament ist Gott zu lieben nicht nur einfach ein Gebot! „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt ... das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16); da Gott uns also zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 10), ist die Liebe nicht mehr nur ein „Gebot“, sondern unsere Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht. Allerseelen ist ein Tag, ein Aufruf, ein öffentlicher Appell, dass man die große Liebe Gottes erwidern soll.