30. Sonntag im Jahreskreis (26. Oktober 2008)

Mt 22, 34-40 

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten. 
 

Ein Gesetzeslehrer fragte den Herrn: „Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ Die Frage ist eigentlich nicht merkwürdig, wenn wir bedenken, dass die Thora nach der jüdischen Gesetzlehre insgesamt 613 Gebote enthält. Wie alt diese Zählung ist, lässt sich nicht feststellen. Einige sagen, die 248 Tun-Gebote seien parallel zu den 248 Gliedern des menschlichen Körpers und die 365 Verbote orientieren sich an den 365 Tagen des Sonnenjahrs (vgl. Strack; Billerbeck: Kommentar zum Neuen Testament. I. Bd., Aufl. 7. München: Beck, 1978, 900). Als Antwort hat Jesus die Pflichten des Menschen gegenüber Gott und gegenüber den Menschen in dem Wort zusammengefasst: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Zu diesem Gesetz gehört noch die Nächstenliebe und die Selbstliebe: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.  

Der Heilige Augustinus erklärt uns, die Antwort des Herrn sei eigentlich die Abkürzung von den zehn Geboten Gottes. Die zehn Gebote bringen die Pflichten des Menschen gegenüber Gott und gegenüber Menschen zum Ausdruck. Heutzutage ist es zwar nicht schick, nicht modern, von den zehn Geboten Gottes zu sprechen. Es wird von „Menschenrechten“, von der „Selbstverwirklichung“ der Kinder, von „sozialer Sicherung“ der Millionäre geplaudert, aber von Geboten, von Pflichten redet man nicht.  

In der Thora lesen wir: „Der Herr offenbarte euch seinen Bund, er verpflichtete euch, ihn zu halten: die Zehn Worte. Er schrieb sie auf zwei Steintafeln“ (Dtn 4, 13). Augustinus sagt in einer Predigt: „Wie die Liebe zwei Gebote umfasst, auf die der Herr das ganze Gesetz und die Propheten bezieht, so sind die zehn Gebote auf zwei Tafeln verteilt. Drei waren auf die eine Tafel und sieben auf die andere geschrieben“ (Augustinus, serm 33, 2, 2; KKK 2067).  

Wir älteren Leute lernten noch die zehn Gebote so, wie es in der katechetischen Überlieferung steht. Die ersten drei sprechen von Gottesliebe: „1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. 2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. 3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen.“ Auf der zweiten Steintafel stehen die Gesetze der Nächstenliebe: „4. Du sollst Vater und Mutter ehren. 5. Du sollst nicht töten. 6. Du sollst nicht ehebrechen. 7. Du sollst nicht stehlen. 8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. 9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. 10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut“ (Kompendium 434). 

Der Heilige Vater hatte uns Christen in Mariazell eine Aufgabe gegeben. In seiner Rede hatte er uns aufgefordert, die Zehn Gebote umzuschreiben: von Nein auf Ja. Hinter den scheinbar harschen Verbotsnormen – sagte der Papst – stecke in Wahrheit etwas Positives, eine Lehre vom richtigen und guten Leben. Er hatte auch Beispiele gesagt. „Im Verbot des Ehebruchs ist »ein Ja zu verantwortungsbewusster Liebe«, im Verbot des Diebstahls »ein Ja zur Solidarität, sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit« So stecke in allen »Du sollst nicht« eine Vorstellung davon, worauf es ankomme und wie die menschliche Existenz gelingen könne.“ 

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Zu diesem Gesetz gehört noch die Nächstenliebe und die Selbstliebe: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Antwort des Herrn ist also die Abkürzung der Zehn Gebote. Versuchen wir die Gebote Gottes wieder zu lernen und den kommenden Generationen zu übergeben, damit sie uns nicht einmal verfluchen werden, dass wir die wichtigsten Regeln des Lebens vor ihnen verheimlicht haben.