23. Sonntag im Jahreskreis (07. September 2008)

Mt 18, 15-20 

Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.  
 

Im Evangelium des 23. Sonntags lehrt uns der Herr: Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn zurecht. Die Pflicht der „Brüderlichen Zurechtweisung“ nennen wir in der katholischen Kirche mit den latainischen Worten „correctio fraterna“. Die „correctio fraterna“ sollte im helfenden Sinne ausgesprochen werden, nicht als harsche Kritik. Als nicht religiöses Pendant kann die „konstruktive Kritik“ verstanden werden, wobei bei der „correctio fraterna“ der Aspekt der „Brüderlichkeit“ und Kritik unter Gleichgesinnten nicht unwichtig ist. 

Der Bruder“ bedeutet hier nicht allgemein „ein Nächster“, wie in dem Beispiel des Herrn von dem barmherzigen Samariter. (vgl. Lk 10, 29-35) Dort ist der „Nächste“ allgemein ein Mitmensch. „Der Bruder“ ist ein Gleichgesinnter, der zur unserer Gemeinde gehört. Das wird klar aus den Worten, die der Herr über die Zurechtweisung sagt: Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide. 

Wenn er „sündigt“, bedeutet nicht, dass wir aufeinander herumhacken sollen. Wenn wir den ersten Satz des Evangeliums weiter analysieren, dann wird uns klar, dass das Verb „sündigen“ einen Zustand darstellt und besagen will, dass der Bruder „den Weg verfehlt hat“ oder mit anderem Wort, er ist „irregegangen“. 

In dem Fall müssen wir suchend zu ihm gehen, wie Jesus es in einem Gleichnis darlegt: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? (Lk 15, 4). Wenn wir ihn finden, sollten wir nicht schimpfen, sondern ihm so begegnen, wie Paulus schreibt: Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen (1Kor 9, 22) - was aber nicht bedeutet, dass man mit dem Irrenden in die Irre gehen soll.  

Die Pflicht, die irrenden Gemeindemitglieder durch Mahnung auf den rechten Weg zurückzubringen, ist auch heute gültig. Natürlich darf man aber nie die brüderliche Zurechtweisung mit Sich-Einmischen verwechseln! Andererseits sollte man nicht aus einem Extrem ins andere fallen. Heutzutage wurde es Sitte, von Gewissensfreiheit zu sprechen - und man versteht darunter die Gleichgültigkeit, die man mit dem schönen Wort „Toleranz“ bezeichnet. Auch Eltern, Pädagogen und Psychologen hören wir die dümmlichen Worte sagen: „Das Kindchen muss sich selbst verwirklichen.“  

      Der Heilige Josefmaria Escriva schreibt über das richtige Zurechtweisen: „Vernachlässige nicht die Übung der brüderlichen Zurechtweisung. Sie bezeugt wirksam die übernatürliche Tugend der Liebe. Sie kann schwer fallen; ihr aus dem Wege zu gehen, mag bequem sein - sehr bequem sogar -, aber es verrät Mangel an übernatürlicher Zuwendung“ (Im Feuer der Schmiede 146). 

Heutzutage werden die Christen (und nur sie) von Liberalen, Atheisten, Muslims und Juden von früh bis abends kritisiert und geschimpft. Wo sind die Christen, von denen der Herr sagte: „Die Tauben hören und die Stummen sprechen?“ (Mk 7,37). Der Heilige Vater stellte in einer Predigt die Frage: „Sind die Christen nicht zu leise?“ Lasst uns Christen also unsere Stimme erheben und weisen wir die in die Irre gehende Welt zurecht, bevor es zu spät wird.