Mariä Aufnahme in den Himmel (15. August 2008)

Lk 1, 39-56 

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ. Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan  und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:  Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron  und erhöht die Niedrigen.  Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an  und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück. 

In der „Größeren Legende des hl. Gerhard“ schreibt der Verfasser, dass Gerhard, nachdem er in Fünfkirchen (Pécs) mit Reden seine rhetorischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte, von den Bischöfen nach Stuhlweißenburg gebracht wurde, wo der König, der hl. Stephan, ihn beauftragte, die Festpredigt am 15. August 1015 zu Mariä Himmelfahrt zu halten. Er hielt die Rede unter dem Motto „Die Frau, die mit der Sonne bekleidet ist“ (Offb 12, 1). Es war die erste uns bekannte Predigt über die Muttergottes in Ungarn. Leider ist nur mehr der Titel überliefert, aber man kann sich vorstellen, dass es eine wunderbare Rede gewesen sein muss, da ihn der Herrscher, als er sie gehört hatte, mitnahm auf seine Pfalz Gran und ihm die Erziehung seines Sohnes und Thronfolgers Emerich übertrug. 

Das Wort „Legende“ bedeutet nicht Märchen, sondern stammt vom lateinischen Wort legendum, „zu Lesendes“ und bezeichnete ursprünglich eine Geschichte zum Lesen oder auch Vorlesen. Es ist also kein Märchen, dass das Christentum die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel schon im ersten Jahrtausend feierte. Feierlich hat Pius XII. am 1. November 1950 festgelegt: „Wir verkünden, erklären und definieren es als ein von Gott geoffenbartes Dogma, dass die unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“ 

Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass das ewige Wort des Vaters, Jesus Christus, Fleisch geworden ist aus Maria, der Jungfrau. Kurz gesagt: Gottes Weg in die Welt führte über Maria. Der Weg des Menschen zu Gott kann darum an Maria nicht vorübergehen. Der Weg des Menschen zu Gott führt ebenfalls über Maria und darum dürfen wir hoffen, dass der Weg der Muttergottes auch unser Weg sein wird. Maria ist eine von uns. Sie ist unsere Schwester. Sie ist ein Mensch und nicht Gott. Sie ist ein Glied unserer einen Menschheitsfamilie. Was Maria als Erster widerfährt, betrifft darum uns alle. "Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm" (1 Kor 12, 26), sagt der Apostel Paulus.  

Was ist der Ausgangspunkt, dass die Muttergottes und hoffentlich auch wir mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde bzw. werden? Im heutigen Sprachgebrauch könnte man die Feier der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel das Fest der Menschenwürde nennen. Die Quelle der Menschenwürde ist die Schaffung des Menschen. Am sechsten Tag der Erschaffung der Welt sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild (Gen 1, 26). Der Mensch ist also ein Ebenbild Gottes. Deshalb besitzt er Würde. Das schönste Abbild Gottes ist die unbefleckte Jungfrau, die heute den Weg zu Ihrem Schöpfer, zu der Wirklichkeit, die Sie treu widerspiegelte, antrat. 

In dem vergangenen Jahrhundert der großen Menschenverachtung hat allein die Kirche die Menschenwürde verlautbart. Oft hören wir heute von Menschenwürde und Menschenrechten sprechen, am lautesten von denen, die in Konzentrationslagern und Gulaglagern zehn Millionen getötet haben. Aber man darf die beiden Ansprüche nicht verwechseln. Menschenwürde ist der besondere Status des Menschen als Abbild Gottes, der durch Menschenrechte geschützt werden müsste.  

Heute bitten wir die mit der Sonne bekleidete Jungfrau, Sie möge uns helfen zu unseren Lebzeiten auf der Erde dem göttlichen Ideal-Bild des Menschen voll und ganz zu entsprechen, um einst das künftige Los im Himmel mit Ihr feiern zu dürfen.